Chroma

Ein Stift, ein Buch: Härtegrade und Papier

Du lernst, welche Bleistifthärten und Papiersorten für Urban Sketching wirklich taugen – und wie du den Radiergummi vom Korrekturmittel zum Zeichenwerkzeug machst.

15 Min.

Ein Bleistift und ein Skizzenbuch: mehr braucht es nicht, um draussen anzufangen. Genau das macht den Bleistift zum ehrlichsten Medium für die Strasse. Du stellst nichts auf, du rührst nichts an, du wartest auf nichts. Du ziehst den Stift aus der Jackentasche, klappst das Buch auf und der erste Strich liegt schon auf dem Papier, bevor jemand anders überhaupt die Farbkastenverschlüsse geöffnet hat.

Warum Bleistift draussen so gut funktioniert

Bleistift trocknet nicht. Es gibt keine Lasur, die verläuft, weil die Sonne draufknallt, und keine, die zwanzig Minuten braucht, weil es neblig und kühl ist. Du brauchst kein Wasser, kein Gefäss, keinen Lappen, keine freie Hand für die Palette. Das klingt banal, entscheidet aber darüber, ob du im Tram, auf einer Treppenstufe oder im Stehen an einer Hauswand überhaupt zeichnest.

Dazu kommt ein zweiter Vorteil: Der Bleistift zeigt dir alles, was du tust. Jede Unsicherheit im Strich, jeder zu feste Druck, jede Stelle, an der du dich nicht entschieden hast, bleibt sichtbar. Das ist unbequem und genau deshalb lehrreich. Wer ein halbes Jahr konsequent mit Bleistift skizziert, zeichnet danach auch mit jedem anderen Werkzeug besser.

Härtegrade: was die Buchstaben bedeuten

Auf jedem Stift steht ein Kürzel. H steht für hart: Die Mine enthält mehr Bindemittel, gibt wenig Graphit ab und hinterlässt eine helle, kratzige, sehr präzise Linie. Sie eignet sich für technische Konstruktionen, drückt sich aber gern als Rille ins Papier, die du später nicht mehr wegbekommst. HB liegt in der Mitte, ist der klassische Allzweckstift und für Skizzen schon brauchbar, aber selten wirklich dunkel.

B steht für weich, und die Zahl davor sagt, wie weich: 2B ist merklich dunkler als HB, 4B legt mit wenig Druck einen satten Grauton hin, 6B ist so weich, dass die Mine schnell stumpf wird und die Zeichnung leicht verschmiert. Für Urban Sketching reichen zwei Stifte: 2B für die Linien und den mittleren Bereich, 4B für die dunklen Werte, Schattenseiten und Fensteröffnungen. Alles darüber und darunter brauchst du am Anfang nicht. Wichtig ist der Gedanke dahinter: Der Härtegrad bestimmt nicht, wie fest du drückst, sondern wie dunkel du überhaupt werden kannst. Dunkle Töne holst du dir mit einem weicheren Stift, nicht mit mehr Kraft.

Druckbleistift oder Holzstift

Ein Druckbleistift mit 0.5 Millimeter Mine gibt dir eine immer gleich feine Linie, ohne Spitzen, ohne Späne, ohne Sauerei in der Tasche. Für Konturen, Fensterrahmen, Geländer und kleine Details ist das ideal, und du bekommst ihn ab etwa CHF 5. Sein Nachteil: Flächen aufbauen ist mühsam, weil die dünne Mine nur eine Strichbreite kennt und bei zu viel Druck bricht.

Der Holzstift kann beides. Angespitzt zieht er eine feine Linie, drehst du ihn flach auf die Seite, legst du mit einem Zug eine ganze Hauswand als weiches Grau an. Diese Breitseitentechnik ist der Grund, warum ich dir für unterwegs einen Holzstift in 4B empfehle und den Druckbleistift für die Linienarbeit dazu. Zum Spitzen genügt ein kleiner Spitzer mit Auffangbehälter; eine lang freigelegte Mine gibt dir zusätzlich Fläche.

Papier: glatt oder leicht rau

Glattes Papier, etwa Bristol, hat kaum Oberflächenstruktur. Feine Linien kommen darauf messerscharf heraus, der Stift gleitet, und selbst dünne Konturen bleiben klar. Schraffuren wirken auf glattem Papier allerdings schnell fleckig, weil das Graphit wenig Halt findet und sich glänzend zuschmiert.

Leicht raues Skizzenpapier mit 120 bis 150 Gramm pro Quadratmeter ist für unsere Zwecke besser. Die feine Körnung reisst bei jedem Strich etwas Graphit von der Mine und hält es fest. Dadurch bauen sich Töne schichtweise auf, Schraffuren bleiben lebendig, und du kannst von hell nach dunkel arbeiten, ohne dass die Fläche sofort zuläuft. Ein Buch im Format A5 mit fester Bindung, das du auf der Hand halten kannst, ist die zuverlässigste Wahl.

Der Radiergummi zeichnet mit

Denk beim Radiergummi nicht an Korrektur, sondern an Licht. Ein Knetgummi lässt sich zu einer Spitze oder Kante formen und hebt Graphit aus einer bestehenden Fläche heraus, statt es wegzuschrubben. So entstehen die hellen Kanten einer Dachrinne, der Lichtstreifen auf einer Fensterbank oder der helle Rand eines Hutes vor einer dunklen Fassade. Du legst also erst den Ton an und holst die Lichter danach heraus. Das geht schneller und sieht natürlicher aus, als hell gebliebene Stellen mühsam auszusparen. Ein harter Radiergummi bleibt trotzdem in der Tasche, für scharfe Kanten und wirklich gründliches Entfernen.

Schmieren verhindern, ohne Fixativ

Fixativ brauchst du draussen nicht. Es riecht, es braucht eine windstille Ecke und es macht deine Zeichnung endgültig, bevor du sicher bist, dass sie fertig ist. Viel praktischer: Leg ein leeres Blatt Papier zwischen die frisch bezeichneten Seiten, bevor du das Buch schliesst. Das schützt die Nachbarseite zuverlässig. Während des Zeichnens hilft dasselbe Blatt unter deiner Handkante – so wischst du deine eigene Schraffur nicht mit dem kleinen Finger quer über die Fassade.

Übung

Stell dich mit deinem Skizzenbuch ans Fenster oder auf den Balkon und nimm dir 15 Minuten. Zeichne in der oberen Hälfte einer leeren Seite für jeden deiner Stifte eine Skala: ein Streifen von etwa zehn Zentimetern Länge, den du von ganz hell links bis zum dunkelsten Ton rechts durchziehst, den dieser Stift hergibt. Mach das für 2B, für 4B und, falls vorhanden, für HB. Vergleiche danach, wie dunkel jeder Stift wirklich werden kann.

In der unteren Hälfte suchst du dir drei Fenster des gegenüberliegenden Hauses und zeichnest sie nur mit dem 2B. Rahmen, Glasfläche, Schatten darin – mehr nicht, kein Haus drumherum. Achte darauf, das Dunkel im Glas mit mehreren Schichten aufzubauen statt mit Druck. Zum Schluss hebst du mit dem Knetgummi an einem der Fenster eine helle Spiegelung heraus.