Von dunkel nach hell: die umgekehrte Reihenfolge
Du lernst, wie du mit Acryl und Gouache in der Reihenfolge Untermalung – Schatten – Mitteltöne – Lichter arbeitest und Weiss so einsetzt, dass es nicht kreidig wird.
20 Min.
Wenn du schon einmal mit Aquarell gearbeitet hast, sitzt dir eine Regel in den Fingern: Das Papier ist dein hellster Wert, also lässt du die Lichter frei und arbeitest dich Schicht für Schicht ins Dunkle. Mit Deckfarbe gilt genau das Gegenteil. Acryl und Gouache decken, also kannst du Helles über Dunkles legen. Das dreht den ganzen Ablauf um – und genau diese Umkehrung ist der Punkt, an dem die meisten Anfängerskizzen mit Deckfarbe scheitern, nicht das Material.
Die Untermalung: weg vom weissen Blatt
Bevor du irgendetwas anderes machst, tönst du das ganze Blatt in einem mittleren, gedämpften Ton ein. Verdünnte gebrannte Siena, ein neutrales Grau oder eine Mischung aus beidem funktionieren gut. Du willst keine Farbe setzen, sondern das grelle Weiss loswerden, denn auf weissem Grund wirkt jeder Ton, den du danach auflegst, zu dunkel, und du korrigierst dich in eine Sackgasse hinein.
Die Untermalung darf ungleichmässig und fleckig sein, sie soll an Rändern durchscheinen und dem Bild später Zusammenhalt geben. Arbeite sie mit einem breiten Pinsel in zwanzig, dreissig Sekunden über das Blatt und warte, bis sie matt ist. Bei Acryl geht das draussen sehr schnell, bei Gouache etwas langsamer. In beiden Fällen gilt: nicht in die noch glänzende Schicht weiterarbeiten.
Die dunklen Massen zuerst
Jetzt suchst du die dunkelsten Bereiche deines Motivs – nicht die Details, sondern die Massen. Die Schattenseite einer Hausecke, die Tiefe unter einem Vordach, der Bereich unter parkierten Autos, das Innere eines offenen Fensters. Diese Flächen setzt du als zusammenhängende Formen, mit relativ trockener, kaum verdünnter Farbe.
Drei bis vier dunkle Flächen genügen meist, damit das Bild steht. Sie sind dein Gerüst: Alles, was danach kommt, misst sich an ihnen. Wer die Dunkelheiten zu spät setzt, traut sich am Ende nicht mehr richtig dunkel und landet in einem grauen Mittelbrei ohne Kontrast.
Mitteltöne als grösster Anteil
Der Hauptteil eines jeden Motivs liegt im Mittelton: Fassaden im Halblicht, Strassenbelag, Baumkronen, Himmel bei bedecktem Wetter. Diese Töne legst du deckend über die Untermalung, Fläche an Fläche, und lässt dabei bewusst kleine Ränder der Untermalung stehen. Das spart Zeit und hält die Skizze lebendig.
Vergleiche beim Mischen jeden neuen Ton immer mit deinen bereits gesetzten Dunkelheiten, nicht mit der Palette. Auf der Palette wirkt fast alles zu dunkel, auf dem Blatt fast alles zu hell.
Lichter zuletzt, dick und sparsam mit Weiss
Erst ganz am Schluss kommen die Lichter: die Sonnenkante am Dachrand, ein beleuchtetes Schild, die helle Fassadenseite, ein Reflex auf nassem Asphalt. Diese Stellen malst du dick und deckend, mit wenig Wasser, in kurzen, entschiedenen Strichen. Wenn du dabei zögerst und mehrfach darüberfährst, reisst du die untere Schicht wieder auf.
Weiss mischst du sparsam. Je mehr reines Weiss in einem Ton steckt, desto kreidiger und toter wirkt er. Ein Licht ist fast nie weiss, sondern farbig: Bei Sonne mischst du Weiss mit einem Hauch Gelb oder Ocker, bei Schatten unter blauem Himmel oder in der Dämmerung Weiss mit etwas Blau. Diese Entscheidung – warmes oder kühles Licht – triffst du einmal pro Skizze und ziehst sie durch. Warme Lichter neben kühlen Schatten (oder umgekehrt) erzeugen fast automatisch Räumlichkeit.
Kanten machst du mit dem Pinsel
Im Aquarell steuerst du weiche Übergänge über Wasser. Bei Deckfarbe wäre das ein Fehler: Wasser macht die Farbe durchsichtig und schlammig. Hier entstehen Kanten über die Pinselführung. Eine harte Kante setzt du mit der Pinselkante in einem Zug, ohne nachzubessern. Eine weiche Kante bekommst du, indem du mit einem fast trockenen Pinsel quer über die noch nicht ganz durchgetrocknete Grenze schrubbst oder die beiden Töne an der Nahtstelle mit wenigen Tupfern ineinander verzahnst. Wenig Wasser, mehr Handgelenk.
Zwei Fehler, die immer wieder passieren
Der erste: zu dünn malen. Verdünnst du Acryl oder Gouache stark, hast du kein Deckfarbenbild mehr, sondern ein trübes Aquarell ohne die Leuchtkraft des weissen Papiers. Die Farbe soll wie Rahm vom Pinsel kommen, nicht wie Tee.
Der zweite: zu viele Schichten in die noch feuchte Farbe. Jede weitere Lage in eine glänzende Fläche hinein mischt sich mit der darunter und ergibt Schlamm. Lass jede Schicht mattieren, bevor du weitergehst, und begrenze dich auf drei bis vier Lagen insgesamt.
Übung
Such dir draussen oder am Fenster eine einfache Hausecke, an der Licht- und Schattenseite klar zu unterscheiden sind. Male sie zweimal, klein, je etwa acht Minuten. Beim ersten Mal absichtlich falsch: hell anfangen und dich ins Dunkle vorarbeiten wie im Aquarell. Beim zweiten Mal richtig: getönte Untermalung, dunkle Massen, Mitteltöne, zuletzt die Lichter dick mit Weiss plus einem Hauch Gelb oder Blau. Leg beide nebeneinander und schau dir an, welche Version mehr Kontrast, sauberere Kanten und ein klareres Licht hat. Notiere in zwei Sätzen, was dir beim zweiten Durchgang leichter fiel.